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Brief an einen Unternehmer

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Bauen mit Kopf - Mehr Produktivität am Bau
Ein Interview aus der Allgemeinen Bauzeitung vom 29.04.2005 (17/Seite 3)

Das Geld wird auf den Baustellen
verdient – oder verloren


Gesamte Organisation in Frage stellen

Der Bauingenieur und Architekt Heinz Grote hat das KOPF-System entwickelt (Kybernetische Organisation, Planung und Führung). Der Leiter des KOPF-Institutes in Holzminden und Autor rät Unternehmen, sich von bisher eingefahrenen Gleisen im Management zu trennen. Die gesamte Organisation müsse in Frage gestellt werden.

Selbstorganisation fürs Überleben.

In der Schultheis Wohnbau AG schaffen die Planer 25 Prozent mehr Planungsvolumen – die Produktivität wächst weiter.
Der Bauumsatz ist um ein Drittel gewachsen. Im April 2005 betrug er gar 1,8 Mio. EUR mehr als im Vergleichsmonat 2004 mit einem Umsatz von 2,8 Mio. EUR. Das Bauunternehmen Dilling in Breidenbach bei Marburg konnte seine Arbeitsproduktivität von 1989 bis 2004 um 150 Prozent steigern. Voraussetzung: Kleinmut raus, KOPF rein, neu denken, lernen und handeln!

Holzminden. – Die deutsche Bauwirtschaft befindet sich im neunten Krisenjahr. Eine ganze Branche ist gezeichnet von einer schrumpfenden Nachfrage nach Bauleistungen und einem ruinösen Verdrängungswettbewerb. Ortsgebundene mittelständische Bauunternehmen müssen umdenken. Vor diesem Hintergrund beschreibt der Bauingenieur und Architekt Heinz Grote, Leiter des KOPF-Institutes, Holzminden, (KOPF – Kybernetische Organisation, Planung, Führung) in einem Fachbuch Erfolge mit dem von ihm entwickelten KOPF-System. Darüber sprach Rainer Oschütz, Chefredakteur der Allgemeinen Bauzeitung (ABZ) mit dem Autor.

ABZ: Herr Grote, kleine und mittlere Bauunternehmen sind oft ortsgebunden und können nicht wie die großen der Branche auf internationale Märkte ausweichen. Um erfolgreich zu sein, ist Umdenken angesagt. Welche Möglichkeiten bieten sich an?
Grote: Wichtig ist, dass man bereit ist, sein Unternehmen "auf den Kopf zu stellen", und sich von bisher eingefahren Gleisen im Management trennt. Die gesamte Organisation muss in Frage gestellt werden. Bei meinen vielen Recherchen haben sich für die Anforderungen an ein modernes Management die Kernprobleme in fünf Forderungen herauskristallisiert.

  1. Schaffe geldliche Anreize – aber vor allem lehre die ausführenden Mitarbeiter selbstverantwortlich zu denken und zu handeln.
  2. Lerne vorsteuernd kapazitive Engpässe in Personal, Material und Information zu identifizieren und zu managen.
  3. Plane und organisiere die Baustellen in prozessorientierter Logik. Stelle ununterbrochene Arbeitsflüsse sicher.
  4. Binde alle beteiligten Akteure in den Informations- und Kommunikationsprozess des Baustellenablaufes mit ein – besonders die Zulieferer.
  5. Schaffe dauerhafte Unternehmensnetzwerke, die ein "lernendes System" bilden und damit flexibler und produktiver reagieren können als die Konkurrenz.
  6. Ich habe festgestellt, dass es wenige gibt – und doch eine steigende Zahl von Unternehmen – die diese "graue Theorie" eines erweiterten Baulogistikbegriffes beispielhaft in die Praxis umsetzen. Als Voraussetzung dazu haben sie es in erster Linie geschafft, von einem reinen Kosten- auf ein Produktivitätsdenken umzuschalten.

ABZ: Nun ist das, wie sie selber sagen, nur "graue Theorie". Wie setzen Sie die Kernfragen der von Ihnen entwickelten KOPF-Logik in die Praxis um?
Grote: Ein Beispiel dafür ist die Schultheiss Wohnbau AG, ein Bauträger in Nürnberg, die diese Methode mit Erfolg angewandt hat. Der Firmeninhaber Konrad Schultheiss war von meinem Fachbuch "Kosten senken mit KOPF – die Revolution des Baumanagements" so beeindruckt, dass er sofort meine Hilfe anforderte und das KOPF-System in seinem Unternehmen einführte. Gemeinsam haben wir in Wochenendseminaren die Mitarbeiter fit gemacht.

ABZ: Wie liefen diese Schulungen ab?
Grote: 25 Architekten und technische Mitarbeiter bildeten sogenannte Leistungsteams. Diese mussten nun an einem bestimmten Bauprojekt lernen, die Projektierungs- und Bauprozesse in Selbstverantwortung zu planen und zu steuern. Dabei wurde für die ausführenden Handwerksbetriebe zielbestimmend eine Selbstorganisation entwickelt, die Zeitverschwendung – entstanden durch Leerlauf und Mängelbeseitigung – vermeidet. Man sollte glauben, das wäre eine Selbstverständlichkeit. Doch weit gefehlt. Das Geld, das bei falscher Organisation der Abläufe verloren geht, ist enorm.

ABZ: Traf das auch auf Schultheiss zu?
Grote: Natürlich. Das Unternehmen erreichte bereits in den ersten sechs Monaten nach Einführung des KOPF-Systems eine Produktivitätssteigerung von 25 Prozent. Das Umsatzwachstum erfordert für 2006 den Neubau eines Firmengebäudes, weil eine zunehmende Zahl von Neueinstellungen eine Vergrößerung erzwingt. Wichtig ist jedoch die Entwicklung des Ertrages. Gegenüber 2003 ist er erheblich gestiegen und wird sich 2005 noch einmal drastisch erhöhen. Die Mitarbeiter werden daran beteiligt.

ABZ: Grundlage dafür ist das KOPF-System...
Grote: Ja, es wurde ausgelöst durch mein Fachbuch "Kosten senken mit KOPF – die Revolution des Baumanagements", das 2002 im Patzer Verlag Berlin erschienen ist. Das Buch enthält Erkenntnisse aus dem Verbundprojekt "Logistiknetzwerk Bau", das ich mit meinem KOPF-Institut und einigen Verbundpartnern aus der Bauwirtschaft von 2000 bis 2002 durchführte. Die Arbeit wurde vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert. Außerdem begleitete Dr. Norbert Schmidt, Fraunhofer Arbeitsgruppe für Technologien der Logistik – Dienstleistungswirtschaft – ATL, Nürnberg, wissenschaftlich das Projekt.

ABZ: Auf welcher Grundlage baut dieses System auf?
Grote: Grundlage ist das Total Quality Management TQM – erweitert durch Erkenntnisse der Management-Kybernetik. Die Baulogistik in der Wertschöpfungskette wird durch die Einführung der kybernetischen Logik optimal wirksam. Es geht also darum, die Intelligenz und Kreativität aller Mitarbeiter für den Unternehmenserfolg freizusetzen. Das heißt nichts anderes, als dass der Taylorismus überwunden werden muss, der uns mit seiner innerbetrieblichen zentralen Planwirtschaft ähnlich miserable Resultate beschert, wie wir sie in zentralgeplanten Volkswirtschaften erlebt haben und noch erleben.

ABZ: Das Umdenken besteht also darin, dass man Wachstum (Produktivätssteigerung ) nur mit der gleichen Anzahl von Mitarbeitern erzielen kann...
Grote: Richtig. Trotz des Auftragsmangels wird in den Büros und Betrieben im Durchschnitt ein Drittel der Arbeitsstunden bezahlt, ohne dass dafür Geld eingenommen wird. Es gilt also der Zeitverschwendung den Kampf anzusagen und die enormen Produktivitätspotenziale zu nutzen.

ABZ: Nennen sie ein Beispiel!
Grote: Grundsätzlich gilt: Das Geld wird auf den Baustellen verdient – oder verloren. Das kann man am Beispiel des Bauvorhabens der Schultheiss Wohnbau AG in Erlangen aufzeigen. Dort sollten elf Eigentumswohnungen und elf Tiefgaragenplätze entstehen. Die Bauzeit dauerte einschließlich der Außenanlagen sieben Monate. Üblicherweise galt eine Bauzeit von elf Monaten. Hier wurde mit dem KOPF-System eine Bauzeitverkürzung um ein Drittel erreicht. Gleichzeitig konnte die Mängelrate um 70 Prozent verringert werden. Das ging mit einem hohen Grad von Selbstorganisation ganz ohne Hektik, Stress und Überstunden über die Bühne. Diese Verkürzung der Kapitalrückflussdauer aus der Investition ergibt auch für die Kunden ganz erhebliche Gewinnsätze.
Schultheiss organisiert Seminare für seine Mitunternehmer, damit die bei niedrigen Preisen Geld verdienen; so wie die Firma Dilling in Breidenbach, die mit KOPF von 1989 bis 2004 die Produktivität um 150 Prozent steigern konnte. Da gibt es keine Angst vor osteuropäischer Konkurrenz.

ABZ: Was hat der geschilderte Fall mit moderner Baulogistik zu tun?
Grote: Ohne ins Detail zu gehen, sehr viel, wenn man unter dem Begriff Baulogistik nicht nur die bloße Anlieferung von Baustoffen –frei Baustelle– und deren Verarbeitung von kleinen Handwerksbetrieben nach konventionellen, schnell veraltenden Netzplänen versteht. Bekanntlich "Stinkt der Fisch vom Kopf her" – deshalb schafft erst die prozessorientierte Ressourcenplanung in Personal und Zeit mit der Selbststeuerung durch die Mitarbeiter die unabdingbare Voraussetzung für in den Bauablauf integrierte Baulogistikkonzepte, die ansonsten an der traditionellen, suboptimalen Bauplanung und -organisation scheitern.